Kuba im Juli 2011

 

Schlaflos - in Holguin,

 

einer Stadt im Nordosten von Kuba, 35 km von der Küste entfernt.

 

Es ist heiß, auch in der Nacht und ich kann nicht schlafen.

 

Lamellen aus verzinktem Blech ersetzen in meinem  Zimmer das Fenster. Der Raum hat den Charme einer Garage. Die Toilette ohne Brille, aus der Dusche tropft eher das Wasser als das es fließt und manchmal auch das nicht. Die Klimaanlage brummt heftig und schüttelt sich wie ein altersschwacher Kühlschrank. Ein zusätzlicher Ventilator verteilt etwas die kühlende Luft aus dem kleinen lautstarken Klimagerät.

Doch der warme Wind - er strömt dominierend aus den Lamellenritzen.

 

Gedanken im Halbschlaf – Warum bin ich hier? Was hält mich?

 

Was ist denn sooo schön an Kuba.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

    

 

 

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Kürzlich kam mein alter Freund Edgar und Manfred, ein echter Kommodore für 9 Tage aus Deutschland angeflogen. Beide sind in einem Casa Particular untergebracht. Das  ist ein meist sehr einfaches Zimmer bei Privatleuten.

 

Luis, ein sehr geschäftiger Kubaner,  vermittelte mir bei meiner Ankunft hier in Holguin ein „schönes“ Zimmer, wie er sagte. Es gab keine Fensteröffnung, kein Tageslicht und  kein Putz an den grauen Wänden. Und er war sehr traurig, als ich am nächsten Tag mir eine andere, etwas bessere Bleibe suchte. Wo er doch so dringend die Vermittlungsprovision braucht, da er keine Arbeit mehr hat und 100 Dollar im Monat zum Leben braucht.

20 Dollar sollte ich die Nacht zahlen, doch nur 10 sollten angegeben werden. Jetzt zahle ich 18  und habe wenigstens Tageslicht.

 

Viele Gedanken kreisen in meinem Kopf. Ich versuche  Bilanz zu ziehen und setze mich an den Computer…

 

Von den niederländischen ABC Inseln mit kurzem Aufenthalt in Jamaika kam ich mit meiner Crew im März dieses Jahres in Cienfuegos an, dem Seglerzentrum an der Südküste Kubas. Bei der Einfahrt in die große Lagune wird man schon begrüßt mit sozialistischem Gruß und „es lebe die Revolution“. Die Marina ist mit entsprechendem Kartenmaterial und Handbuch leicht zu finden. Sobald man in Sichtweite ist, winken und pfeifen das uniformierte Empfangskomitee heftig und locken so einen an die Mole. Die Begrüßung ist freundlich. Doch wir fühlen uns wie früher, als es noch den Ostblock gab und bei Grenzübertritt es spannend wurde. –

Nach  drei Stunden und einigen Besuchern der diversen Institutionen ist die Einklarierung abgeschlossen.

 

Die Marina wird geführt wie ein Hochsicherheitstrakt. Zwei vergitterte Tore mit unbewaffneten Offiziellen sind zu überwinden. Jedoch ohne Tasche, die nach Schmuggelgut zu kontrollieren wäre, komme ich unbehindert auf kubanischen Boden.

Der erste Eindruck –

So sauber hab ich noch keine karibische Insel gesehen.

Kein Müll, gepflegte Grünanlagen, Palmen,  - ok, einige Löcher im Straßenbelag und auch auf dem Bürgersteig muss ich aufpassen.

Ich spaziere die Hauptstraße entlang. Stilvolle, beeindruckende Gebäude aus der Zeit der Zuckerbarone, mehr oder weniger aufwendig restauriert sind sehenswert an diesem kaum befahrenen Boulevard

 

Die motorbetriebenen Fortbewegungsmittel begeistern jeden Liebhaber von Oldtimern. Doch da Benzin auch in Kuba teuer ist, fährt man mit dem Bicitaxi, einem mit Muskelkraft betriebenen Tretmobil, ähnlich einer Rikscha oder man nimmt die Kutsche, gezogen von zierlichen Pferden.

Die Sonne und die trockene Luft treiben mich bald  in den Yachtclub von Cienfuegos, ein stattlicher Jugendstilbau  mit Restaurant, Bar und Anlegestelle für Charteryachten. Hier lässt es sich aushalten. Für den ersten Abend auf Cuba ist  ein Tisch in diesem herrschaftlichen Restaurant für die Crew der Caroona reserviert….

Seit Anfang Juni hat die Regenzeit und damit auch die Hurricanzeit begonnen. Heftig stürmische Gewitter, Blitz und Donner mit sintflutartigem, undurchdringlichem Regen auf See oder auch vor Anker haben die Crew der Caroona immer wieder in Angst und Schrecken versetzt. Hält der Anker auch wirklich, oder was ist, wenn die Kette bricht? Wie weit ist es bis zum nächsten Riff? Was, wenn der Blitz einschlägt? Können wir segelnd noch der so bedrohlich schwarzen Wolkenwand ausweichen? Ist genügend gerefft? Ist alles sicher verstaut und sind die Luken auch dicht verschlossen?

 

Wir haben alles getan, mehr geht nicht. Abwarten und Beten.

 

Hier kann man sich versorgen. Aufpassen muss man ob die Tomaten schon weich und damit  zu reif sind oder die Kartoffeln wurmig und der Salat, wenn es welchen gibt, nicht allzu sehr verlaust ist. Bei den winzigen Zwiebeln und Knoblauchzehen kann man verstehen, warum es keine gibt im Salat und in den Speisen. Da hat keiner Lust die zu schälen. Oft gibt es im „Restaurant“ keine Zwiebel, kein Knoblauch, kein Pfeffer. Das Öl ist oft ranzig und Essig fürchterlich.

 

Ach wie herrlich ist dagegen ein Marktbesuch in einer europäischen Stadt mit den Schmankerln, die einem das Wasser im Mund zusammen laufen lassen. Jetzt, nach monatelangem Entzug,  wünsche ich mich zurück in die Heimat.

Keine Käsestände, keine Wurst, - nichts gibt es hier – was schmackhaft wäre.

Und dann haben die Sicherheitsleute  am Airport meinen Segler-Gästen auch noch den Schinken und die Salami abgenommen, obwohl die doch so gut eingeschweißt waren….

Jetzt wissen wir, dass Dosen erlaubt sind. Ob die den Schinken und die Wurst  wirklich entsorgt haben? Wir bezweifeln es. Alles findet hier Verwendung, nichts wird entsorgt.

Eine aufgerissene Reisetasche oder ein paar alte Kabel, Wasserflaschen aus Plaste oder leere Bierdosen, innerhalb von Minuten war es nicht mehr im Müllcontainer. Sobald eine Dose im Lokal ausgetrunken ist, wird man danach gefragt und sie findet den Weg in einen Sack. Viele suchen nach etwas Verwertbarem in den Mülltonnen und oft wird man  angebettelt.

 

Was ist bloß aus den Grundsätzen der sozialistischen Revolution geworden? Ché ist tot, konnte sich nicht durchsetzen und die Gier der Machthabenden hat die Oberhand gewonnen. Zwei Klassen haben sich gebildet. Die eine mit der Währung Peso national und der anderen mit der konvertierbaren Währung, dem CUC (1 CUC = 24 Peso national), der mit dem Dollar gleichgestellt ist. Das normal arbeitende Volk erhält den Lohn in Peso national. Das Durchschnittseinkommen liegt bei 20 Dollar im Monat. Waren in den meisten Läden sind jedoch in CUC zu bezahlen und vieles ist deutlich teurer als in Europa. An einer Dose deutschen Kartoffelchips hätte ich mir fast die Finger verbrannt. 5,90 CUC oder etwa 4,50 Euro sollte die kosten. Da hab ich sie aber schnell wieder zurückgelegt. Dafür ist der Rum billig, den man schon ab 2 CUC die Flasche kaufen kann. Devisen kommen nur durch die Verwandten, die im Ausland leben oder  durch Touristen ins Land. Kein Wunder also, dass wir umgarnt und ausgesaugt werden, was halt geht.

 

Jeder ist dein Freund und will nur dein Bestes…

In Holguin gibt es einen deutschen Stammtisch in einer Bar. Hier werden die neuesten Informationen ausgetauscht. Wo es was gibt und was so in nächster Zeit los ist. Immer wieder kommen geschäftige Amigos vorbei, die einem die unangenehm schweißfeuchte Hand reichen und  die „besten“ Zigarren, alter Rum und auch Viagra anbieten. Es soll sogar wirken aber echt und original ist hier nichts. Manche dieser meist älteren Herren aus Deutschland sind mit Kubanerinnen verheiratet, dann dürfen sie länger im Land bleiben. Doch die meisten kommen für ein paar Wochen. Nicht wegen der Gegend, den  Pensionen oder dem kaum genießbaren Essen, sondern wegen der schokoladenfarbenen jungen Chiccas, die hier in Holguin besonders hübsch sein sollen, willig sind und auch nur dein Bestes wollen…

 

Da Edgar am Abend „keine Zeit“ für uns hatte, besuchte ich mit Manfred das beste Restaurant am Platz. Einem gut erhaltenen Jugendstilbau mit Patio und hohen Gasträumen. Der Koch ist lernwillig. Manfred hat eine Knoblauchbutter hergestellt und nachdem wir dem Koch mitteilten, dass er doch die Zwiebelsuppe mit

geröstetem Weißbrot und Käse darauf gratinieren soll, war auch diese lecker.

 

Morgen fahren wir mit einem Mietauto an die Nordostküste Kubas um einen  Hafen zu  besichtigen und dann geht es in die Region von Guatanamo. Für 5 Nächte sind Hotels gebucht.

 

Hähne begrüßen den beginnenden Tag. In der Nähe protestiert lautstark ein Schwein. Es wird wohl sein letzter Sonnenaufgang sein, so wie es um sein Leben

 

 quiekt. Kürzlich sah ich 3 lebende Ferkel zusammengeschnürt auf dem Gepäckträger eines Fahrrads auf dem Weg zum Markt. Schweine werden hier wie Hunde als Haustier gehalten, manchmal sogar auf dem Balkon und dann irgendwann selbst geschlachtet. Fleisch ist für Kubaner teuer und Rindfleisch gibt es nicht. Es gibt zwar Rinder, doch die wenigen gehen an die Hotels. Die Rinder müssen an den Staat verkauft werden, zu einem kärglichen Preis. Und wehe, wenn jemand sein Vieh selbst vermarktet oder schlachtet. 20 Jahre Gefängnis stehen darauf. Keiner wagt dieses Risiko. Jeder passt auf jeden auf.

 

Jetzt koche ich mir erstmal einen Kaffee. Der Kocher ist eine glühende Spirale und mit Vorsicht zu bedienen. Ich spürte schon den Stromfluß. Wasser nehme ich nur aus der Mineralflasche. Mit 2 Dollar kostet fast so viel wie billigen Rum. Das Leitungswasser ist ungenießbar, braun und mit unsichtbaren Tierchen versetzt. Immer geht man ein großes Risiko ein, wenn Eis im Getränk ist und es aus Leitungswasser hergestellt wurde. Ich litt mal eine Woche lang und war wie in Trance. Gut, dass ich einen Kühlschrank benutzen darf. Alles stelle ich hinein, auch den Zucker und den Kaffee. Der Müll muß sofort entsorgt werden. Raus aus dem Haus. Sonst wimmelt es überall. Kleinste Ameisen und anderes Getier finden alles.

 

Nachher gehe ich ins Internetbüro. Das Internet ist furchtbar langsam und mit 5 Euro die Stunde auch recht teuer. Für eine bereits geschriebene Email zu versenden habe ich schon mal 10 Minuten gebraucht.

 

Dann treffe ich mich mit Edgar und Manfred.

 

Mal schauen, was der Tag so bringt….

Täglich schau ich nach dem Wetterbericht. Dank Satellitentechnik kann ich mit dem in Kuba verbotenen Iridiumhandy und dem Notebook eine heimliche Internetverbindung herstellen. Damit die teure Verbindung so kurz wie möglich ist, lade ich die gespeicherte Adresse vom Hurricancenter aus den USA. Der Wetterbericht enthält nur die notwendigsten Zeichen, keine Bilder und keine Werbung und ist damit innerhalb von 30 Sekunden geladen. Ein Dollar hat er mich dann etwa gekostet.

 

Die Caroona liegt hoffentlich noch sicher und unbeschädigt in der Marina von Cienfuegos? Vielleicht wurde sie schon von den Kakerlaken geentert, die ich auf der Mole frühmorgens überrascht habe? Ich hoffe es nicht. 

Sollte sich ein Hurrican ankündigen, dann muss ich sofort zurück nach Cienfuegos. Mit dem saukalt klimatisierten Nachtbus sind die 500 km zu bewältigen. Die Marina ist nicht sicher genug und alle Schiffe, auch die Caroona, müssen in ein Hurricanhole gebracht werden. Dies ist eine kleine Bucht, innerhalb der Lagune. Glücklicherweise kündigte sich noch kein Hurrican an.

Eigentlich möchte ich das nicht miterleben…eigentlich sollte ich hier verschwinden, ab nach Guatemala, genauer nach Rio Dulce. Hurricansicher, mit besten Kommunikations-Möglichkeiten und deutlich preiswerter als Kuba. Ein Land, in dem sich jeder frei bewegen kann. So wie ich gehört habe.  Doch nun bin ich hier in Holguin und im August kommt Julian, mein Sohn angereist mit zwei seiner Freunde. Sie wollen Kuba erleben, dem Land von Ché, Fidel und der immer noch gefeierten  Revolution….

 

Deshalb bin ich noch hier.

 

Als wir im März ankamen waren viele Bäume blattlos und die Rasenflächen braun verdorrt. Doch jetzt ist alles grün geworden, es blüht und duftet und süße, reife Mangos gibt es im Überfluss. In den Gärten, an den Straßen und auch in  Plantagen, überall Mangobäume mit grün- bis gelbroten, mehr als faustgroße Früchte. Sie  werden  am Straßenrand angeboten – für 2 Peso national, das sind etwa 0,09 Euro. Gelernt habe ich jede einzelne genau zu prüfen. Oft fallen die Mangos beim Ernten  zu Boden. An den Druckstellen sind sie weich und fangen dann an zu faulen. Auf die kann ich verzichten, es ist ja genug da zum Betasten…

ich liebe Mangos.

 

Die  Markthalle in Cienfuegos – Mercado Municipal – ist fast schon wie ein Abenteuer besuchenswert. Vor dem Eingang bietet eine Frau Plastiktüten an. Später weiß ich auch warum. Es gibt kein Verpackungsmaterial an den Verkaufsständen. Schmutzige, bettelnde Menschen lungern herum und auch ein paar zerzauste abgemergelte Katzen und Hunde, die einem leid tun, suchen was zu beißen. Beim Eintritt in die im Halbdunkel liegenden Halle riecht und sieht man schon totes, ungekühltes Fleisch, Körperteile vom Schwein, Köpfe, Füße und viele, wirklich viele Fliegen – schnell weg, weiter zu den anderen Ständen.

Die Einkaufslust ist einem vergangen… An den Obst.- und Gemüseständen finden wir reife,  gelb leuchtende Ananas, diverse Bananensorten, süße oder zum Kochen und Guaven. Sie duften köstlich exotisch. Jeder Raum ist wie parfümiert, wenn ein paar dieser Früchte im Fruchtkorb liegen.

 

Doch leider ist der Geschmack  im Vergleich zum Aroma enttäuschend.